Wann haben Sie sich das letzte Mal völlig vertieft und hochkonzentriert einer Aufgabe gewidmet? Ob im Leistungssport, in der Kunst, beim Klavierspielen oder beim Programmieren – wir alle kennen Situationen, in denen wir vollkommen im Moment aufgehen. Dieser Zustand nennt sich Flow. Doch Flow ist mehr als nur ein angenehmes Gefühl – er ist ein zentraler Bestandteil menschlicher Leistungsfähigkeit und Motivation.
Vorweg sei gesagt: Flow-Erleben und Positive Psychologie sind keine genuinen Themen der Eignungsdiagnostik. Unser Ziel ist es, den Blick zu weiten: Welche Impulse und Mehrwerte können Flow und Positive Psychologie für diagnostische Verfahren liefern – insbesondere, wenn es um eine positive und wirksame Candidate Experience geht? Gleichzeitig verbindet beide Ansätze der Anspruch wissenschaftlicher Fundierung: Nicht nur die Eignungsdiagnostik richtet sich an hohen Qualitätsstandards – etwa der DIN 33430 – aus, sondern auch die Positive Psychologie: Beide Konzepte folgen dem Anspruch, ihre Wirksamkeit durch empirische Forschung zu belegen..
Der Begriff Flow geht auf den Psychologen Mihály Csíkszentmihályi zurück, der das Konzept in den 1970er-Jahren entwickelte und in seinem Buch „Flow: Das Geheimnis des Glücks“ (1990) umfassend beschrieb. Seine Forschung legte den Grundstein für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit positiven Erlebenszuständen – und gilt bis heute als zentrales Fundament der Positiven Psychologie.
Was bedeutet Flow überhaupt?
Flow beschreibt einen mentalen Zustand, in dem Menschen mit ihrer Tätigkeit im Einklang sind und ihre Handlung als mühelos und fließend wahrnehmen. Das Bewusstsein für Zeit, Außenreize und für sich selbst tritt dabei in den Hintergrund.
Kernkriterien des Flow-Erlebens sind:
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- Aufmerksamkeit: Die Konzentration ist vollständig auf die Aufgabe gerichtet. Alles andere – Umgebung, Geräusche – tritt in den Hintergrund. Das ist zentral, denn Flow ist immer positiv ausgerichtet: Er entsteht nicht in negativen oder aversiven Kontexten, sondern in solchen, die als sinnvoll, interessant oder herausfordernd erlebt werden.
- Verschmelzen von Handlung und Bewusstsein: Die Tätigkeit geschieht mühelos, ohne bewusste Kontrolle.
- Selbstvergessenheit: Gedanken über das Selbst oder soziale Vergleiche treten in den Hintergrund.
- Gefühl der Kontrolle: Man erlebt sich als kompetent und wirksam.
- Eindeutige Handlungsanforderungen: Man weiß jederzeit, was zu tun ist, und erhält unmittelbares Feedback.
- Selbstbestimmung: Man handelt aus intrinsischer Motivation, unabhängig von äußeren Belohnungen.
- Verändertes Zeiterleben: Zeit verliert an Bedeutung und wird als schneller oder langsamer wahrgenommen.
In diesem Zustand erleben Menschen maximale Wirksamkeit, Konzentration und Freude. In der Positiven Psychologie gilt Flow daher als zentrales Element gelingenden Arbeitens.
Die Positive Psychologie – ein Perspektivwechsel
Die Positive Psychologie erweitert die ursprünglich defizitorientierte Psychologie des letzten Jahrhunderts. Während die klassische Psychologie darauf zielte, psychische Defizite zu behandeln, richtet die Positive Psychologie den Blick auf das, was Menschen stärkt und wachsen lässt.
Ihr Fokus liegt jedoch nicht allein auf Stärken und Ressourcen, sondern darauf zu verstehen, wie Menschen ein glücklicheres und erfüllteres Leben führen können. Stärken und Ressourcen können dabei ein wichtiger Baustein sein, um diese Ziele zu erreichen.
Zugleich lässt sich eine Brücke zur Humanistischen Psychologie schlagen, aus der die Positive Psychologie hervorging. Im Unterschied dazu legt sie jedoch besonderen Wert auf empirische Prüfbarkeit und wissenschaftliche Validität – ein zentraler Anspruch moderner psychologischer Forschung.
In diesem Zusammenhang stellt sich die Positive Psychologie Fragen wie:
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- Was bringt Menschen zum Aufblühen?
- Was lässt sie ihr volles Potenzial entfalten?
Diese Fragen eröffnen auch für die Eignungsdiagnostik neue Perspektiven: Wie können Verfahren nicht nur messen, sondern Bedingungen schaffen, unter denen Menschen zeigen können, was wirklich in ihnen steckt?
Welchen Mehrwert Flow in der Eignungsdiagnostik bieten kann
Eignungsdiagnostik dient dazu, Kompetenzen und Potenziale von Menschen zu erfassen. Ein fundierter Eindruck ihrer Stärken und Lernfelder ist dabei entscheidend – nicht nur, um Fehlbesetzungen zu vermeiden, sondern auch, um individuelle Entwicklungswege gezielt zu gestalten.
Flow kann hier den diagnostischen Prozess bereichern. Zum einen wirkt Flow-Erleben wie ein Katalysator für eine positive Candidate Experience. Wer sich im Auswahlprozess als wirksam erlebt, geht vermutlich mit höherer Selbstwirksamkeit und Zufriedenheit daraus hervor – unabhängig vom Ergebnis.
Gerade in einem umkämpften Markt für Fach- und Führungskräfte könnte ein diagnostisches Setting, das Flow-Erleben ermöglicht, ein starkes Signal sein: Es zeigt Wertschätzung und richtet den Blick auf Entwicklung statt reiner Bewertung. Zudem begünstigt Flow vermutlich authentischeres Verhalten im diagnostischen Prozess, was zu valideren Ergebnissen beitragen kann.
Bedingungen für Flow – und wie Diagnostik sie schafft
Flow entsteht, wenn Anforderungen und Fähigkeiten im Gleichgewicht sind. Nur wenn Herausforderung und Kompetenz gleichermaßen hoch ausgeprägt sind, ist Flow-Erleben möglich. Sind die Anforderungen zu hoch, drohen Überforderung und Stress; sind sie zu niedrig, entsteht Langeweile.
Darüber hinaus braucht es Rahmenbedingungen, die Konzentration, Kontrolle und Motivation fördern. Ablenkungen, Unklarheiten oder mangelndes Feedback erschweren Flow und sollten vermieden werden.
| Bedingung | Gestaltungsidee in der Diagnostik |
| Passung zwischen Herausforderung und Kompetenz | Aufgaben individuell anpassen, z. B. durch adaptive Tests oder – im Entwicklungskontext – die selbstverantwortliche Auswahl von Übungen mit passendem Schwierigkeitsgrad. |
| Klare Ziele | Ziele transparent und klar in der Instruktion definieren |
| Unmittelbares Feedback | Direktes, situationsbezogenes Feedback geben. Auch kritisches Feedback muss die Selbstwirksamkeit nicht negativ beeinflussen, wenn es durch soziale Unterstützung begleitet wird (Dimotakis et al., 2017). |
| Konzentration | Ruhige Settings ohne Störungen schaffen |
| Gefühl von Kontrolle | Anforderungen klar definieren, Selbstverantwortung betonen (z. B. freie Wahl von Lösungswegen) |
| Intrinsische Motivation | Realitätsnahe, sinnstiftende Aufgaben mit Bezug zur Zielposition |
Welche Rolle Flow in der Diagnostik spielen könnte
Es ist unseres Wissens bislang nicht empirisch untersucht, inwiefern Flow mit diagnostischer Güte zusammenhängt. Dennoch erscheint es vielversprechend, diesen Ansatz weiterzudenken: Verfahren, die Flow-Erleben begünstigen, könnten sowohl das Erleben der Teilnehmenden als auch die Aussagekraft der Ergebnisse positiv beeinflussen.
Weiterführende Literatur
- Csíkszentmihályi, M. (1990). Flow: Das Geheimnis des Glücks. Stuttgart: Klett-Cotta.
- Dimotakis, N., Mitchell, D., & Maurer, T. (2017). Positive and negative assessment center feedback in relation to development self-efficacy, feedback seeking, and promotion. Journal of Applied Psychology, 102(11), 1514.
- Donaldson, S. I., Lee, J. Y., & Donaldson, S. I. (2019). Evaluating Positive Psychology Interventions at Work: A Systematic Review and Meta-Analysis. International Journal of Applied Positive Psychology, 4, 113–134.
- Seligman, M. (2004). The new era of positive psychology [Video]. TED Conferences. https://www.ted.com/talks/martin_seligman_the_new_era_of_positive_psychology
- Seligman, M. (2011). Flourish. New York, NY: Free Press.
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