Diagnostik International: Interkulturelle Kompetenz jenseits von Wissen messen

Im Interview:
Dr. Anke Terörde-Wilde

In dieser neuen Interview-Reihe stellen wir spannende Forschungsprojekte zu aktuellen Themen von ITBler:innen vor und diskutieren ihre Implikationen für die Welt der Eignungsdiagnostik, Personalauswahl und -entwicklung von heute.

In einer global vernetzten Arbeitswelt gewinnt interkulturelle Kompetenz zunehmend an Bedeutung. Sie ist heute eine zentrale Voraussetzung für erfolgreiche Zusammenarbeit über Länder- und Sprachgrenzen hinweg. Doch wie lässt sich diese Kompetenz eigentlich erfassen – und gezielt weiterentwickeln?

Dr. Anke Terörde-Wilde hat sich aus wissenschaftlicher und praktischer Perspektive intensiv mit dieser Frage beschäftigt. Im Rahmen ihrer Dissertation entwickelte und evaluierte sie das ITB-Intercultural Competence Assessment (kurz: ITB-ICCA) – einen Test zur Diagnostik interkultureller Kompetenz.

ITB-ICCA – Intercultural Competence Assessment: Wofür steht das Verfahren und was kann es leisten?

Mit dem ITB-ICCA habe ich ein Testverfahren entwickelt und evaluiert, das vor allem bei international tätigen Fach- und Führungskräften als Diagnostikinstrument für interkulturelle Kompetenzen eingesetzt werden kann. Der Test kommt heute vorrangig im Entwicklungskontext zum Einsatz, in entwicklungsorientierten Development Centern, Trainings oder Coachings. So erhalten die Teilnehmenden die Möglichkeit, ihre eigenen interkulturellen Kompetenzen zu reflektieren und gezielt weiterzuentwickeln. Auch in Auswahlverfahren kann es in Verbindung mit Interviews wertvolle Einblicke in die interkulturellen Kompetenzen der Bewerbenden geben.

Was bedeutet interkulturelle Kompetenz eigentlich genau?

Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht, denn Kultur ist weit mehr als nur Wissen über Kulturen. Sie umfasst zum Beispiel Offenheit und Interesse für andere Kulturen, die Fähigkeit zur Selbstreflexion, Belastbarkeit sowie Empathie. Dazu gehört für mich auch, schnell Kontakt aufzubauen, sich flexibel auf andere einzustellen und sensibel für verschiedene Sichtweisen zu bleiben. Das sind Fähigkeiten, die übrigens nicht nur im Ausland wichtig sind, sondern auch für die Arbeit in heimischen Teams. Denn auch diese vereinen oft vielfältige berufliche, soziale und organisationale Hintergründe.

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Wie ist der ITB-ICCA aufgebaut?

Eine Besonderheit des ITB-ICCA ist, dass er eine Kombination aus einem verhaltensbasierten Situational Judgement Test (SJT) und kompetenzbasierten Persönlichkeitsfragen darstellt. Die Teilnehmenden bearbeiten alltagsnahe, berufsbezogene Szenarien und entscheiden, wie sie in der jeweiligen Situation typischerweise handeln würden. Gleichzeitig reflektieren sie, wie sie ihre eigene Kompetenz in dieser Situation einschätzen.

Die Antworten werden anschließend kompetenzbasiert ausgewertet – entlang der zentralen Dimensionen:

  • Einstellung und Motivation
  • Umgang mit sich selbst
  • Umgang mit anderen

Dabei geht es nicht um vermeintlich ‚richtige‘ Antworten, sondern um die persönliche Auseinandersetzung mit typischen interkulturellen Herausforderungen. Dementsprechend enthalten die vollautomatisierten Ergebnisberichte konkrete Entwicklungsempfehlungen, um den Teilnehmenden weitere Anknüpfungspunkte für diesen individuellen Reflexionsprozess zu bieten.

Woher kam die Idee?

Ich habe selbst über 13 Jahre im Ausland gelebt und weiß aus eigener Erfahrung, wie herausfordernd interkulturelle Begegnungen sein können. Vor diesem Hintergrund wuchs mein Interesse – und damit auch mein wissenschaftlicher Anspruch – mich intensiver mit interkultureller Kompetenz zu beschäftigen.

Die Idee dazu habe ich über Jahre hinweg weiterentwickelt und schließlich zur Grundlage meiner Dissertation gemacht. Mein Ziel war es, ein wissenschaftlich validiertes und gleichzeitig praxisnahes Verfahren zur Diagnostik interkultureller Kompetenzen zu entwickeln.

Was ist für dich das Wichtigste am ITB-ICCA?

Besonders am ITB-ICCA ist für mich nicht nur die Methodik entscheidend, sondern auch die Haltung und das Verständnis dahinter. Interkulturelle Kompetenz ist kein starres Konstrukt, das man einfach mit einer Checkliste erfassen kann. Am Ende geht es nicht um die eine „beste“ Antwort, sondern darum, sich selbst besser kennenzulernen, blinde Flecken zu erkennen und im besten Fall genau dort anzusetzen, um sich persönlich weiterzuentwickeln. Ein selbst gesetztes Ziel zu erreichen, fühlt sich gut an – auch wenn der Weg dorthin oft lang sein kann.

Was hast du persönlich für dich mitgenommen?

Ich habe berufsbegleitend promoviert, Kinder bekommen und gleichzeitig viel Energie in meinen Beruf gesteckt. Als der ITB-ICCA fertig war und in Kundenprojekten eingesetzt wurde, habe ich die Forschungsarbeit immer wieder für längere Zeit beiseitegelegt. Irgendwann sagte meine Professorin zu mir, dass sie bald emeritiert wird, und fragte, ob ich die Arbeit noch abschließen möchte. Ich wollte – und so begann eine intensive Phase, in der ich parallel zu Familie und Beruf promoviert habe. Am Ende habe ich im 40. Fachsemester die Arbeit abgegeben. Viele Menschen konnten nicht nachvollziehen, warum ich das gemacht habe. Beruflich hätte ich die Promotion nicht gebraucht, aber es war mir persönlich wichtig, diesen Abschnitt für mich vollständig abzuschließen.

  • Terörde-Wilde, A. (2021). Entwicklung und Evaluation eines Testverfahrens zur Diagnostik interkultureller Kompetenz (Vol. 18). Logos Verlag Berlin GmbH.

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